Der Dekaden-Bug und die Qualitätssicherung

Wissen Sie, wo der Chef der chinesischen Airline CAAC Silvester vor zehn Jahren verbrachte? In einer seiner eigenen Maschinen, verordnet vom Staat, um der Bevölkerung die Angst zu nehmen, der „Millennium Bug“ werde die Flugzeuge vom Himmel holen.

Zehn Jahre später redete (fast) keiner mehr vom Millennium Bug, der riesigen Computerpanne, die das Ende unserer zivilisierten Welt („TEOTWAWKI„) hätte bedeuten sollen, und die dann nicht stattfand. Und jetzt, an den ersten Werktagen nach einem banalen Jahrzehntwechsel, reiben wir uns erstaunt die Augen und bemerken, daß das keine gute Idee war, daß wir nichts, aber auch gar nichts daraus gelernt haben.

Millionen von ec-Karten-Kunden stehen im schönsten Wortsinne bargeldlos da, weil Automaten und Bezahlterminals ihnen nichts auszahlen wollen, die Fahrgäste der Düsseldorfer Rheinbahn raten auch eine Woche später noch, wohin die Reise geht, weil die Anzeigetafeln der Straßenbahnen sie in die Irre führen. Windows-Smartphones, Symantec-Antivirenprogramme, Cisco-Loadbalancer, Spamfilter – es sind auch diesmal keine Flugzeuge vom Himmel gefallen, doch scheint es das schiere Glück zu sein, daß es „nur“ unsere Alltagssoftware ist, die versagt.

Und dabei war es vor zehn Jahren noch ein guter, wenn auch 40 Jahre alter Grund, warum sich Probleme ankündigten: als in den 70ern Speicher knapp war, hatte man Jahresdaten zweistellig notiert. Solche Beschränkungen kennt man heute schon lange nicht mehr. Warum ging dann heute, beim kleinen „Decade Bug“ mehr schief als vor einem Jahrzehnt bei seinem großen Bruder? Nochmals: weil man nichts gelernt hat. Denn vor zehn Jahren ging die Sache nicht durch Glück glimpflich aus, sondern weil im Vorfeld eine ganze Industrie von Programmierern und IT-Consultants Unmengen von Programmen, Milliarden von Codezeilen auseinandernahm und analysierte. Ein Vermögen wurde dafür ausgegeben, Software „zertifiziert millenniumssicher“ zu machen. Als dann nichts passierte, spotteten viele, das Geld sei verschwendet worden. Diesmal schaute man vorher gar nicht erst hin. Aber eine neue Generation von Programmierern ist am Werk, und sie macht, wie jede neue Generation, die gleichen Fehler neu, und neue Fehler dazu.

An einer Qualitätssicherung und Softwaretests, die die Folgen hätten erkennen können, wird aber weiterhin gespart. So wissen beispielsweise die Rheinbahner mit den irrenden Anzeigetafeln nach 6 Tagen immer noch nicht einmal, woran es gelegen hat.

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