Picasa 3.5: Gesichtserkennung zu Hause

Seit Version 3 verfügt Googles kostenlose Bildverwaltungssoftware Picasa über Gesichtserkennung. Das Feature, an dem sich bekanntlich gern Polizei und Geheimdienste versuchen, weil sie hoffen, dann Kriminelle oder „Störer“ auf den Videokameras öffentlicher Plätze identifizieren zu können, ist natürlich genauso interessant für private Fotografen, die Urahne, Großmutter, Mutter und Kind auf den Fotos der Digitalkamera, bekanntlich sind es bei erfolgreichen Hobbyknipsern schnell Zehntausende, herausfischen wollen.

zu Recht als derselbe identifiziert: Schulfoto und Klassentreffen

zu Recht als derselbe identifiziert: Schulfoto und Klassentreffen

Daß es nicht das gleiche ist, dies mit den fünfzig oder hundert Fotos zu machen, die man in einer Galerie hochgeladen hat, haben die Nutzer Google anscheinend schnell klargemacht. Dafür kann man zu Hause nicht auf „Cloud Computing“ zugreifen, sondern hat nur die eigenen 1-4 Kerne, die in einem PC so rechnen. Unsere Beispielsammlung von 20.000 Fotos wurde auf einem Single-Core während mehr als 36 Stunden bearbeitet. Das muß man wissen, aber das ist natürlich eine einmalige Leistung, die im Hintergrund abläuft.

begreiflich, daß Picasa an solchen Bildern scheitert

begreiflich, daß Picasa an solchen Bildern scheitert

Was im Vordergrund abläuft, und wirklich beeindruckt, ist das Lernen des Systems. Unsere Sammlung hat einige Knacknüsse: neben einem knappen Jahrzehnt Digitalfotografie sind auch gescannte Papierbilder aus drei Jahrhunderten dabei, viele Bilder zeigen Lisa, 5, und Christian, 3, die in ihren biometrischen Merkmalen natürlich ähnlich sind, und die zudem auch als Lisa, 1, und Christian, 1, als Lisa, 2, und Christian, 2, vertreten sind, dazu Fotos, die auch den Papi und die Mami als Dreijährige zeigen.

amüsant, aber logisch: Picasa erkennt eben Gesichter...

amüsant, aber logisch: Picasa erkennt eben Gesichter...

Die Software läuft brav los, und man kann sie während ihres Arbeitsprozesses ständig „lehren“, was sofort in ihre Ergebnisse einfließt. Am Anfang gibt es nur einen Ordner mit Unbekannten. Man markiert ein Gesicht und gibt ihm einen Namen. Sofort hat Picasa ein ganzes Bündel von Gesichtern identifiziert, bei denen es sich sicher ist, daß sie zu dieser Person gehören, und einen Kreis von Kandidaten, die mit Häkchen/Kreuzchen bestätigt oder abgewählt werden können. Nach kürzester Zeit zeigt Picasa, was er kann: bei Mami irrt es sich fast nie, auch nicht bei Papi, die beiden Kinder werden erwartungsgemäß recht häufig verwechselt, da gibt es viel zu korrigieren. Mit der Zeit gewinnt die Software an Erfahrung, und die Treffer werden besser. Immer öfter muß der Anwender selbst genau hinschauen, ins Vollbild herauszoomen, ist erstaunt, wo Picasa überhaupt alles ein Gesicht entdeckt. Störend sind die Fehler zweiter Ordnung: Bilder, die Picasa sicher zu identifizieren glaubt, sich aber irrt, die schlägt es gar nicht mehr zur Nachkontrolle vor, und man muß eben doch noch alle durchsehen.

was Picasa für denselben Menschen hält, können wir oft nicht verstehen

was Picasa für denselben Menschen hält, können wir oft nicht verstehen

In einer umfangreichen Fotosammlung lauern aber natürlich auch andere Herausforderungen: da sind Fotos vom Gemeindefest, der Krabbelgruppe und dem Kindergarten, Dutzende und Aberdutzende Gesichter aus Menschenansammlungen springen dem Anwender entgegen, die meisten völlig unbekannt, sie können „ignoriert“ werden, tauchen aber leider immer wieder mal auf: hartnäckig versucht Picasa, mir Krabbelgruppenkinder als „Kuckuckskinder“ wieder und wieder unterzuschieben, habe ich es gelehrt, daß dies nicht Lisa ist, versucht es prompt sein Glück, ob es dann nicht vielleicht doch Christian sei.

hier hat sich Picasa von einem herausragenden biometrischen Merkmal täuschen lassen

hier hat sich Picasa von einem herausragenden biometrischen Merkmal täuschen lassen

Traurig wird es gegen Ende: Picasa hat jetzt immmer weniger Vorschläge, und da sind immer noch 16.000 „Unbekannte“, teilweise gruppiert, aber eben falsch gruppiert, man muß also die Gruppen expandieren und die Fotos alle einzeln ansehen. Anscheinend geht es bergab, wenn die Personen nicht in die Kamera schauen, ein Teilaspekt „Profilfotos“ wird noch gelernt, ist aber sehr fehlerbehaftet, Personen, die irgendwohin schauen (Kinder schauen aus der Erwachsenen-Kameraperspektive fast immer „nach unten“), werden sehr schlecht erkannt.

große Probleme kriegt, wer nicht in die Kamera guckt

große Probleme kriegt, wer nicht in die Kamera guckt

Menschen machen Fehler, Maschinen tun das auch, wenn es um solche Unschärfebereiche wie Gesichtserkennung geht, aber sie machen ganz andere Fehler. Jung oder alt, lange oder kurze Haare, Brillen, Bart dran oder ab, Karnevalskostüme – das durchschaut die Maschine alles. Dafür scheitert sie an simplen Herausforderungen, die dem Menschen nicht passiert wären, wie z. B. mal zu schauen, ob der Kandidat für Bild X zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon geboren war (aber gut, Kamerauhren könnten falsch eingestellt sein), oder zu erkennen, daß, wenn Lisa links im Bild ist, der Kopf rechts im selben Bild einfach nicht auch Lisa sein kann.

Natürlich hat sich auch sonst einiges getan, so kann man seine Bilder jetzt mit Google Earth „geotaggen“, und weiterhin kostenlos Webalben hochladen, bloggen, Belichtung und rote Augen korrigieren (was dem Photoshop die „intelligente Autokorrektur“, heißt hier originellerweise wie in der Suchmaschine „auf gut Glück“…) und was im Google-Universum noch so geht. Der Konkurrent ist Photoshop Elements 7,  dort ist für 69,95 € neben der Albensoftware der bekannte Editor enthalten, die Gesichtserkennung soll vergleichbar sein. Wer nur seine Fotos angucken und minimale Korrekturen machen will, der muß eigentlich nicht bezahlen.

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